Dienstag, 11. Dezember 2012

11. Türchen

"Ziiihiiimt, liest Du uns heute den zweiten Teil der Geschichte  von Rudi dem Rentier vor? Bitteeeeeee...!"
Sternchen schaute Zimt mit kugelrunden Augen an und klimperte mit dem Wimpern. "Ich dachte Du und Fine wolltet jetzt Strohsterne für den Weihnachtsbaum basteln" brummte Zimt. "Ja schon..." ließ sich nun auch das Schneckchen Fine vernehmen. "Aber wenn Du uns dabei vorliest, geht uns doch die Arbeit viiiel schneller von der Pfote." Zimt gab sich geschlagen. Gegen so viel weiblichen Charme hatte er einfach keine Chance. Er holte also sein dickes Geschichtenbuch aus dem Regal, setzte sich aufs Sofa und begann zu lesen:


Rudi das Rentier (Kapitel 2)
 von Klaus-Peter Behrens

Allerdings hatte er sich nicht vorgestellt, im Schuppen eines kleinen Menschenmädchens zu landen, obwohl sie zugegebenermaßen sympathisch war. Rudi humpelte in dem engen Verschlag unruhig hin und her während er seine Möglichkeiten bedachte.
Die Auswahl war deprimierend.
Da er im Augenblick wegen seines verletzten Beins keinen Anlauf zum Abheben nehmen konnte, war die Kleine seine einzige Option. Er schluckte bei dem Gedanken, daß der Weihnachtsmann ihm bestimmt schon auf der Fährte war und er in diesem Verschlag fest saß. Bestimmt hatte der Weihnachtsmann diesen Elfen und den Zwerg dabei, die sich einen Heidenspaß daraus machen würden, ihn wieder einzufangen. Rudi mußte sich dringend etwas einfallen lassen. 
„Yaaahooooouuuuu“, brüllte in diesem Moment Ruphus begeistert als er den Schlitten mit einer derartigen Geschwindigkeit über die Baumwipfel jagte, daß der gesamte Schnee inklusive eines Eichhörnchens, das friedlich im oberen Geäst einer Tanne geschlummert hatte, von den Ästen gefegt wurde. Der Weihnachtsmann, dem der Flugstild des Elfen regelmäßig aufs Gemüt schlug, war hingegen alles andere als begeistert, von Zwolgo ganz zu schweigen. Verzweifelt klammerte sich der Zwerg an die Reling des Schlittens und fragte sich unentwegt, wie er bloß auf die Idee gekommen war, zu fliegen sei ein tolles Erlebnis.
„Hör auf mit dem Unfug, wir sind gleich da!“, brummte der Weihnachtsmann verärgert.
„Aber Chef, Ihr wolltet doch den Turbo....“
„Ruphus!“
„Schon gut.“ Mit einem lässigen Ruck an den Zügeln drosselte er die Geschwindigkeit des Schlittens. „Sieben Minuten“, stellte er mit einem zufriedenen Blick auf die Armbanduhr fest. „Und das Leuchtfeuer eine Flugminute voraus ist übrigens Deepfreeze“, informierte er den Weihnachtsmann, der verblüfft das nahezu überirdisch wirkende Spektakel vor ihnen musterte. So etwas hatte er nicht erwartet.
„Ich hab’s immer gewußt. Irgendwann landen sie“, erklang es argwöhnisch von der Ladefläche, als Zwolgo das Leuchtfeuer erspähte. Von Minute zu Minute bereute der Zwerg es mehr, daß er unbedingt mitgewollt hatte.
Ruphus hingegen war in seinem Element. „Legen Sie nun bitte Ihre Sicherheitsgurte an und stellen Sie das Rauchen ein. Wir landen in einer Minute westlich von Deepfreeze unterhalb der Hügel auf einem einsamen Schneefeld“, tönte er vergnügt und ließ den Schlitten tiefer gehen. Schnell kam eine tief verschneite Schneise entlang hoch aufragender Schwarzkiefern in Sicht, die Ruphus als Landepiste auserkoren hatte. Routiniert ging er in den Landeanflug über und jauchzte vor Vergnügen, als der Schlitten mit atemberaubender Geschwindigkeit über die Schneepiste fegte. Dabei übersah er vollkommen, daß im selben Moment ein Schneemobil im hohen Tempo aus dem Wald geschossen kam und direkt auf den Schlitten zuhielt.
„Vorsicht!“, brüllte Zwolgo, als der Schlitten plötzlich in blendend helles Licht getaucht wurde und ein Röhren erklang, als würde ein halbes Dutzend hungriger Eisbären auf den Schlitten zustürmen, um ihn zu zermahlen. Fliegen gefiel dem Zwerg von Minute zu Minute weniger. Auch der Weihnachtsmann wurde blaß. Aber bevor er etwas sagen konnte, riß der Fahrer des Schneemobils den Lenker abrupt herum, worauf das Schneemobil nur noch auf den Seitenkufen wie ein Blitz im Zentimeterabstand an der Rückseite des noch immer dahin rasenden Schlittens vorbeizog und Zwolgo um hundert Jahre altern ließ. Mit Entsetzen sah Zwolgo, wie der Fahrer die Kontrolle über das Schneemobil verlor und mit lautem Krachen gegen einen Baumstumpf prallte. Indes hatte Ruphus den Schlitten zum Halten gebracht.
„Ich kann nichts dafür, ich hatte Vorfahrt“, rechtfertigte er sich, während er bereits vom Schlitten sprang und zum Unfallort rannte, dicht gefolgt von Zwolgo auf seinen kurzen Beinen.
„Wo ist er hin?“, fragte Ruphus, als er außer Atem bei dem zerstörten Schneemobil angelangte. Nur der Scheinwerfer war unbeschädigt geblieben und erhellte den Ort des Geschehens.
„Als ich ihn zuletzt sah, flog er in diese Richtung“, brummte Zwolgo, wobei er mit der Hand auf den Waldrand wies. Tatsächlich konnte Ruphus dort die Umrisse eines menschlichen Körpers in einer Schneewehe entdecken, die ein gutes Stück entfernt vom Unfallort lag. Mit Erleichterung stellte er fest, daß sich der Fahrer gerade stöhnend auf den Rücken wälzte. Flugs eilte der Zwolgo hinüber während Ruphus mit schlechtem Gewissen folgte. Indes schlug Gray die Augen auf und erblickte verblüfft das bärtige, knollnasige Gesicht Zwolgos, der besorgt auf ihn herab sah.
„Nun ist es bewiesen“, stöhnte Gray beim Anblick des Zwerges. „Der Yeti lebt.“
„Und er war ziemlich sauer, als der Boß im letzten Jahr aus Versehen die falschen Geschenke anschleppte“, bestätigte Ruphus mit glockenheller Stimme, während er sich an Zwolgos Seite gesellte. Verwirrt wischte sich Gray bei dem Anblick des spitzohrigen Elfen mit der Hand über die Augen, als wolle er einen bösen Spuk vertreiben. Hatte er etwa alle Waldgeister in dieser Region mit seiner wilden Fahrt aufgescheucht?
Doch als er die Augen wieder öffnete, hatte sich die Zahl der auf ihn herab Starrenden schon wieder erhöht.
„Ich wünsche mir einen Sportwagen und eine Million auf dem Konto. Haben Sie das notiert?“, fragte Gray mit müdem Spott den Weihnachtsmann, der das Trio komplettierte.
„Sind das wirklich deine Wünsche Gray? Was ist mit Liebe, Gesundheit und menschlicher Nähe?“, fragte der Weihnachtsmann mit warmer Stimme. Gray, der registriert hatte, daß der Weihnachtsmann ihn mit dem Namen angeredet hatte, winkte ab.
„Schauspieler“, schnaufte Gray, der annahm, daß die Drei nur gekommen waren, um ihn abzuholen und auf die Rolle einzustimmen. „Ich hoffe, ihr seid gut versichert“, brummte er und setzte sich mühsam auf, wobei er angesichts des schmerzhaften Pochens in seinem rechten Bein die Zähne zusammenbiß.
„Versichert? Wieso?“, frage Ruphus unschuldig nach.
„Na wegen des Schrotthaufens dort, du Komiker“, knurrte Gray und wies mit dem Kopf zu seinem Schneemobil hinüber, das blinkend und blitzend, als sei es gerade fabrikneu geliefert worden, im Schnee stand.
„Aber...“ Gray fehlten die Worte. Er war überzeugt gewesen, daß sein Schneemobil nur noch aus verbogenen Einzelteilen bestand.
„Das ist ein Wunder!“, ächzte er.
„Schön, daß du es so siehst“, flötete Ruphus vergnügt, der geflissentlich den tadelnden Blick des Weihnachtsmannes übersah.
„Nur mit dem Stunt wird es nun leider nichts, und dabei hätte ich das Geld so gut gebrauchen können“, bedauerte Gray die Situation.
„Stunt?
Wenn überhaupt möglich, waren Ruphus Ohren bei diesem Wort noch spitzer geworden. Voller Tatendrang sah er zum Weihnachtsmann hoch, der die Hände vor dem sich bedenklich spannenden Wams verschränkt hatte und warmherzig lächelte.
„Nun, wie kann ich helfen?“, fragte er mit gütiger Stimme und bereute schon im nächsten Augenblick seine Worte angesichts des Blicks, mit dem Gray ihn daraufhin musterte. Irgend etwas sagte dem Weihnachtsmann, daß er gerade die Büchse der Pandorra geöffnet hatte.
„Nett, daß Sie fragen. Da gibt es in der Tat etwas. Sie könnten den Stunt für mich durchführen. Immerhin sind Sie schuld an meiner Situation.“
„Das macht er gerne“, verkündete Ruphus trocken, worauf der Weihnachtsmann empört nach Luft schnappte.
„Das ist wirklich nett. Es ist auch ein ganz einfacher Stunt.“
„Der hat schon ganz andere Stunts durchgezogen.“
„Tatsächlich?“
„Klar! Einmal ist er sogar in einem Eisbärgehege gelandet. Aus zehn Meter Höhe.“
„Wow! Sie sind ja ein echter Profi.“
Bewundernd sah Gray den Weihnachtsmann an, dem gerade warm unter dem Mantel wurde. Irgendwie hatte er das Gefühl, daß die Büchse nicht nur geöffnet worden war, sondern daß sich außerdem jemand alle Mühe gab, sie ausgiebig zu schütteln, um das Letzte aus ihr heraus zu holen, und dieser jemand besaß auffällig spitze Ohren....
„Da gibt es nur ein Problem...“, wandte der Weihnachtsmann vorsichtig ein, wurde aber prompt von Gray unterbrochen.
„Ach was! Sie geben sich einfach für mich aus. Das ist kein Problem. Mich kennen die hier ohnehin nur flüchtig, und unter der Maske sehen wir sowieso alle gleich albern aus. Das fällt garantiert nicht auf.“
„Um ehrlich zu sein...“
„...hatten Sie die gleiche Idee gehabt. Sie sind ein echter Freund. Vielen Dank. Nun ist Weihnachten gerettet. Ohne das Geld hätte ich noch nicht einmal ein Weihnachtsgeschenk kaufen können. Das Geld teilen wir uns dann selbstverständlich.“
Der Weihnachtsmann stöhnte. Aus dieser Falle kam er einfach nicht mehr heraus. Und das alles wegen Rudi. Indes hatte sich Gray aufgerichtet und klopfte sich den Schnee von der Schulter, wobei er sich auf der breiten Schulter des Zwergs abstützte, der das mit stoischer Gelassenheit geschehen ließ. Vorsichtig tastete Gray sein rechtes Bein ab. Es schmerzte höllisch, schien aber zum Glück nicht gebrochen zu sein. Schneemobil fahren konnte er so allerdings nicht.
„Ihr solltet euch beeilen. Der Big Boß mag keine Verspätungen! Allerdings müßte einer von euch mich mit dem Schneemobil zurück bringen.“
„Das macht Zwolgo“, verkündete Ruphus vergnügt, worauf dem Zwerg die Kinnlade hinunter fiel. Er hatte noch gut in Erinnerung, welche Geschwindigkeit dieses seltsame Gefährt erreichen konnte und verspürte keine Neigung, darauf sein Leben aufs Spiel zu setzen. Hilflos wandte er sich an den Weihnachtsmann, der jedoch nur abwinkte und äußerst unglücklich wirkte. Seufzend fügte sich Zwolgo in sein Schicksal und erhielt prompt einen aufmunternden Klaps von Gray auf die Schulter.
„Na dann wollen wir mal hoffen, daß du mit deinen kurzen Beinen auch das Bremspedal erreichen kannst.“ 
In einem eleganten Bogen wendete Ruphus den Schlitten und winkte im Vorbeifahren fröhlich Zwolgo zu, der gerade den Gasgriff des Schneemobils ausprobierte. Blaue Qualmwolken stoben aus dem verchromten Auspuffrohr, als das Schneemobil im nächsten Moment wie ein Formel 1 Wagen den Hang hinauf schoß und kurz darauf im dichten Wald verschwand.
„Und da meckert Ihr immer über meinen Fahrstil“, merkte Ruphus mit einem Blick auf den ungewöhnlich blaß gewordenen Weihnachtsmann an. Doch der winkte nur geistesabwesend ab. Offenbar machte ihm die Aussicht, demnächst im Film zu brillieren zu schaffen. Ruphus hingegen konnte es kaum abwarten und hatte sichtliche Mühe, vor lauter Übermut den Schlitten nicht in den Himmel zu katapultieren. Aber auch am Boden kamen sie gut voran und erreichten schneller als dem Weihnachtsmann lieb war den Ortsrand. Dort herrschte mehr Trubel als im jährlichen Winterschlußverkauf. Zu Ruphus Verblüffung nahmen die umher eilenden Menschen kaum Notiz von ihnen. Offenbar war ein Rentierschlitten nebst Weihnachtsmann und Elf etwas Alltägliches in diesem Ort. Ruphus wollte gerade den sprachlosen Weihnachtsmann nach seiner Meinung fragen, als ein rothaariger, übergewichtiger Mann hektisch winkend auf sie zugehastet kam. Mit einem Schnalzen stoppte Ruphus den Schlitten.
„Wurde auch Zeit“, rief der Rothaarige ein wenig außer Atem als der den Schlitten erreichte. Dabei blätterte er geschäftig in einem beeindruckenden Stapel zusammen gehefteten Papiers. „Gray Greenfield, nehme ich an und schon in Maske. Schön, wenn man es mit einem Profi zu tun hat“, sagte er anerkennend mit Blick auf den Weihnachtsmann. „Ich bin Tom, der Organisator dieses Armagedons. Und du mußt Jim vom Requisitenverleih sein“, wandte er sich an Ruphus. „Wir warten schon seit Gestern auf das Prachtstück hier.“ Mit der rechten Hand tätschelte er dabei die Flanke eines Rentiers. „Aber das Warten hat sich gelohnt. Mike wird begeistert sein. Also los, das Set wartet auf euch.“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten drehte Tom sich um und stapfte davon.
„Die kommen zumindest schnell zur Sache“, brummte der Weihnachtsmann, dem immer unwohler in seiner Haut wurde. Geschickt lenkte Ruphus den Schlitten durch die umher wuselnde Menge bis sie einen Platz erreichten, auf dem sich im kreisförmig silbern glänzende, utopisch anmutende Wohnwagen und Trailer gruppiert hatten. Das Ganze wirkte wie eine Wagenburg von Außerirdischen, die sich in den Wilden Westen verirrt hatten und sich nun gegen Indianer behaupten mußten. Im Hintergrund waren Kulissenschieber und eine ganze Heerschar Helfer gerade damit beschäftigt, ein hübsch erleuchtetes Wohnhaus für den nächsten Dreh vorzubereiten. Dem Weihnachtsmann schwante Schlimmes, als er sah, wie in halbes Dutzend Helfer etwas, das an eine übergroße Matratze erinnerte, zur Frontseite des Hauses schleppten.
„Sieht bequem aus“, stellte Ruphus trocken fest. Mit einem Schnalzen brachte er den Schlitten auf der Mitte des Platzes zum Stehen, wo Tom schon eifrig auf einen äußerst nervös wirkenden Mann mit einer modischen Brille und einem dicken Parka einredete. Dabei bedeutete Tom dem Weihnachtsmann und Ruphus ungeduldig, sich zu ihnen zu gesellen.
„Showtime“, flötete Ruphus vergnügt und kletterte vom Schlitten.
In einer gewaltigen Schneefontäne schlitterte das Schneemobil über den Hof, bevor es in einer Schneewehe zum Stillstand kam. Es hätte nicht viel gefehlt und Gray wäre zum zweiten Mal kopfüber im Schnee gelandet.
„Ihr Typen vom Film seid alle durchgeknallt“, schimpfte Gray angesichts des rüden Fahrstil des Zwerges. Angeschlagen stieg er von dem Schneemobil. „Worauf wartest du?“, fuhr er Zwolgo an, der wirkte, als sei er auf der Fahrt mit dem Schneemobil verwachsen. Doch bevor der vor Schreck erstarrte Zwerg antworten konnte, erscholl eine Mädchenstimme hinter ihnen.
„Was machst du denn hier?“ Zwolgo hörte deutlich an den leisen Untertönen, daß das Mädchen hierüber nicht gerade begeistert war. Er überlegte gerade, woran das wohl liegen könnte, als sein Blick auf ein paar Spuren im Schnee erfaßt.
Rentierspuren.
Während Gray seine Tochter begrüßte und Zwolgo als Mitbringsel vom Film vorstellte, trennte sich der Zwerg von seiner neuen Errungenschaft und besah sich die Spuren. Sie könnten tatsächlich von Rudi stammen, stellte er nachdenklich fest. Leider hatte Zwolgo mit dem Schneemobil ganze Arbeit geleistet, so daß außer ein paar Abdrücken im Schnee nichts übrig geblieben war. Der Rest des Hofes sah eher so aus, als hätte eine Kompanie Soldaten dort den Ernstfall geprobt.
„Komm, ich mach euch einen Tee“, erklang Tess´ Stimme neben seinem Ohr. Erstaunlich kräftige, kleine Finger bohrten sich in Zwolgos Oberarm, und ehe sich der Zwerg versah, wurde er in Richtung Hütte gezerrt. Im Türrahmen betrachtete Gray kopfschüttelnd Tess Bemühungen.
„Er kann allein gehen, Tess“, brummte Gray, der fast ein wenig Mitleid mit dem Zwerg empfand. Wenn seine Tochter sich etwas vorgenommen hatte, konnte sie hartnäckig sein. Widerwillig ließ Tess darauf hin von Zwolgo ab, der gar nichts dagegen hatte, die Hütte zu betreten. Das Verhalten des Mädchens war seltsam, und das machte Zwolgo neugierig.
„Wie geht es denn den Rentieren hier so?“, fragte er unschuldig und registrierte befriedigt, daß Tess zusammenzuckte.
„Hier gibt es keine. Rentiere hat doch nur der Weihnachtsmann.“
„Kann ich bestätigen“, brummte Gray. „So einem nachgemachten Clown bin ich gerade begegnet. Hätte nicht viel gefehlt und er hätte deinen Vater mit seinem Rentierschlitten über den Haufen gefahren.“
„Der Weihnachtsmann ist hier?“, staunte Tess.
„Nein, nur jemand, der so tut, als ob er es wäre. Du weißt schon, ein Schauspieler, wie die anderen unten im Dorf.“
„Hmmm.“
Tess knabberte nachdenklich an ihren Nägeln, während sie Wasser in eine blecherne Teekanne füllte und sie auf den Kaminsims stellte, der als Heizplatte diente. Es war nicht zu übersehen, daß sie etwas intensiv beschäftigte. Indes humpelte Gray zu einem in die Jahre gekommenen Ohrensessel. Er seufzte laut, nachdem er Platz genommen hatte. „Vielleicht sollte ich Miß Jones anrufen und sie bitten, mit ihrem Erstehilfe-Koffer vorbeizukommen kann. Das Bein ist vielleicht doch gebrochen.“
„Miß Jones?“, fragte Tess alarmiert.
„Hmmmm.“
„Hier zu uns?“
„Hmmm.“
Tess wirkte höchst unglücklich.   
„Dann hole ich noch ein wenig Holz für den Kamin.“
„Aber wir haben doch noch genug“, protestierte Gray. Ohne Erfolg. Flink wie ein Wirbelwind hatte Tess sich ihre Jacke vom Haken geschnappt und war in die kalte Winternacht geeilt. Gray schüttelte den Kopf und sah Zwolgo an, der seltsam zufrieden wirkte.
„Ich helfe ihr beim Tragen“, brummte der Zwerg und verließ ebenfalls die Hütte.
„Laßt mich ruhig allein“, beschwerte Gray sich, nahm das Telefon vom Beistelltisch und tippte zögernd die Nummer ein, die er im Schlaf kannte. Im Prinzip war er ganz dankbar für ein paar Minuten Alleinsein beim Telefonieren. Um Tess seltsames Verhalten konnte er sich hinterher kümmern.
Die Hüttentür knarrte als sei sie seit dem Goldrausch nicht mehr geölt worden, als Tess sich an ihr zu schaffen machte.
„Du mußt fort“, sprudelte es aus ihr heraus, kaum daß sie Rudi zu Gesicht bekam.
„Warum?“, staunte das Rentier.
„Weil du sonst Probleme bekommst“, ertönte eine bekannte Stimme hinter Tess, die an rollende Felsbrocken erinnerte und Rudi ins Schwitzen brachte.
„Hallo Zwolgo, nett, daß du mal vorbeischaust.“

„Ich hoffe, du hast es jetzt verstanden“, brummte Mike angesichts des fassungslosen Gesichtsausdrucks des Weihnachtsmanns, der nach den Ausführungen Mikes zum Stuntablauf alles andere als glücklich wirkte. Doch Ruphus winkte lässig ab.
„Also, erst wird eine Aufnahme vor einer blauen Wand mit dem Rentierschlitten und dem Hauptdarsteller gemacht. Es folgt ein Cut und unser Stuntman hier turnt dann auf dem Dachfirst herum, wo er spektakulär ausrutscht, sich mit einem Überschlag verabschiedete und kopfüber aus dem Bild verschwindet. Ich denke, das hat er verstanden. Wird ihm Spaß machen“, brummte Ruphus vergnügt.
„Die Nummer ist nicht ohne. Verreißt sie nicht.“
„Keine Sorge, er ist ein Profi.“
„Ich denke er ist ein Holzfäller, der sich was dazu verdienen will.“
„Was glaubst du, wie oft man bei dem Job vom Baum fällt“, hielt Ruphus dagegen.
„Gutes Argument. Also dann, legt los. Tom, nimm sie mit zum Set.“
Mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihm mitgeteilt, daß der Nordpol in den nächsten zwei Stunden abtauen würde, folgte der Weihnachtsmann dem rothaarigen Tom zum Set.
„Ich hoffe, du bist gut versichert“, brummte Tom der emsig in einem dicken Skript blätterte, während er wie ein waidwunder Bär vor ihnen her stapfte. Sie umrundeten gemeinsam das hübsch erleuchtete, hölzerne Haus und stießen auf seiner Rückseite auf eine Hebebühne, ein Kabelgewirr und ein halbes Dutzend Techniker, die den Weihnachtsmann sogleich auf die Bühne schoben.
„Wird schon werden, Chef“, rief Ruphus dem Weihnachtsmann hinterher, als sich die Bühne hob. Oben angekommen erhielt der Weihnachtsmann die letzten Instruktionen.
„OK, der Dreh ist ganz einfach“, erklärte ein rotgesichtiger Mann mit einer Frisur wie ein Mopp dem unschlüssig wirkenden Weihnachtsmann seine Aufgabe. „Du gehst zum Ende des Dachfirstes und wartest auf das „Go“. Dann balancierst du möglichst haarsträubend zum Kamin, kletterst ihn halb hinauf, verlierst den Halt, rutscht kopfüber über die präparierte Eisrinne vom Dach und landest mit dem Kopf voraus in der großen Schneewehe. Darunter befindet sich eine Sicherheitsmatte, die den Sturz abbremst. Kann also gar nichts schiefgehen. Alles klar?“
Der Weihnachtsmann nickte unglücklich und trat von der Plattform auf den Dachfirst hinaus. Mit bemerkenswerter Sicherheit ging er zum Giebel hinüber, wo er warten sollte.
„Super Profiarbeit“, lobte der Rotgesichtige, hob den Daumen und verschwand mit der Plattform nach unten.
„Fertig machen zum Dreh!“, ertönte Mikes Stimme von unten.
„Würdeloser Abgang die Erste“, verkündete daraufhin ein Kamaraassistent und schlug zwei Holzlatten aufeinander.
„Und Action!“, forderte John den Weihnachtsmann auf. Der balancierte daraufhin vor sich hin murrend und Pirouetten drehend über den Dachfirst zum Kamin hinüber. Doch just, als er diesen erklimmen wollte, geschah etwas, was ihm sonst nie passierte. Er rutschte aus. Ehe er sich versah, schlug er wie ein nasser Mehlsack auf die Dachschräge auf und rutschte in atemberaubenden Tempo um sich selbst drehend die Dachschräge hinunter hob ab und landete mit einem dumpfen Aufschlag in der Schneewehe.
„Und CUT“, rief Mike begeistert. “John, der Junge ist klasse“, wandte er sich an seinen ersten Kameramann. „Tolle Einlage! Verpflichte ihn gleich für die Szene mit dem Truck.“
„Geht klar“, brummte John. Indes war Ruphus am Ort des Geschehens angelangt und half mit, den Weihnachtsmann aus der Schneewehe zu ziehen. Ruphus mußte zugeben, daß der Weihnachtsmann schon einmal fröhlicher ausgesehen hatte. Zwei Assistenten klopften ihn notdürftig den Schnee ab.
„Alles klar?“, erklang Johns Stimme im Hintergrund.
„Mein Herr?“, fragte der Weihnachtsmann mit irritiertem Gesichtsausdruck. Dabei sah er Ruphus an, als würde er diesen gerade zum ersten Mal in seinem Leben sehen. Dem wurde gerade warm unter seiner Mütze. Irgend etwas stimmte nicht.
„Haben Sie Lust auf einen neuen Job?“, fragte John.
„Geht nicht, ich muß die Eier färben“, erwiderte der Weihnachtsmann, worauf Ruphus ihn entgeistert ansah. Indes drückte John dem verwirrten Weihnachtsmann einen Stapel Papiere in die Hand. „Lesen Sie sich den Vertrag durch und bringen Sie ihn unterzeichnet bis morgen vorbei. Die Marge haben wir verdoppelt. Wir sehen uns.“
Hilflos starrte der Weihnachtsmann auf den Vertrag. „Ich brauche Farbe und Pinsel“, klagte er.
„Guter Scherz, Chef. Aber jetzt mal im Ernst. Ihr wißt aber noch, wer ihr seid?“, fragte Ruphus vorsichtig nach.
„Der Osterhase natürlich!“
„Na das nenn ich mal eine schöne Bescherung“, stöhnte Ruphus...


Hier klappte Zimt sein dickes Buch zu und gähnte vernehmlich. "Mädels, ich bin müde. Und draußen wird's auch schon langsam dunkel. Was haltet Ihr davon, wenn wir die Geschichte ein anderes Mal zu Ende lesen?"
"Na gut." Sternchen war schon dabei, die Bastelmaterialien beiseite zu räumen. "Dann können wir beim nächsten Mal auch unsere Strohsterne fertig basteln." Fine war auch einverstanden und gemeinsam beschlossen die drei Freunde den Tag auf dem gemütlichen Sofa bei einem Tässchen heißer Milch mit Honig.


Kommentare:

  1. Das spitzt sich ja ganz dramatisch zu... und nun hält sich der Weihnachtsmann auch noch für den Osterhasen! Herrje, hoffentlich wird noch alles gut, wer soll denn sonst all den artigen Kinderlein und Bärchen die Weihnachtsgeschenke bringen??? Lasst uns nicht so lange auf die Fortsetzung warten! *hibbel*

    Liebe Grüße
    Flutterby und Birgit, die beide schon gespannt sind, ob Ruphus sich im nächsten Teil wohl in die Zahnfee verwandeln wird... ;O)

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.