Samstag, 8. Dezember 2012

8. Türchen

"Puuuuuhhhhhhh, ich bin soooooo satt..." Sternchen lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und rieb sich über ihr Kugelbäuchlein. Auch Zimt und das Schneckchen Fine legten die Bestecke zur Seite und schoben ihre Teller weg. Das Essen hatte allen dreien prima geschmeckt. Nun waren sie satt und wollten sich ein wenig ausruhen. Zimt schlug vor, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen, was Sternchen und Fine sofort in die Tat umsetzten. Zimt schmunzelte, als er die beiden so in die Sofa-Ecke eingekuschelt sah und erinnerte sich unwilkürlich an einen ganz bestimmten Tag vor 3 Jahren, an dem Sternchen fast die kleine Schnecke mit ihrem Allerwertesten platt gedrückt hätte. Jaja, das alles war inzwischen schon soooo lange her...
Zimt schüttelte den Kopf und holte sein großes Geschichtenbuch aus dem Regalbord über dem Kamin. Dann setzte er sich zu Sternchen und Fine aufs Sofa, schlug das Buch auf und begann den beiden vorzulesen...

Rudi das Rentier (Kapitel 1)
 von Klaus-Peter Behrens

Wir haben ein Problem!“
Keuchend, mit auf den Knien abgestützten Händen stand Zwolgo der Zwerg im Türrahmen des Weihnachtsmannbüros und rollte theatralisch mit den Augen, als stünde mindestens der Untergang der Welt bevor.
„Na,na, so schlimm wird es schon nicht sein“, brummte der Weihnachtsmann gutmütig und zwinkerte dem schnaufenden Zwolgo über den Rand seiner Lesebrille hinweg zu. Zwolgo diente dem Weihnachtsmann als Assistent bei der Bearbeitung der Wunschzettel, war für die Versorgung der Rentiere verantwortlich und machte den Weihnachtsmann stets auf die Haken und Ösen seiner Pläne aufmerksam. Vermutlich lag es dem Zwerg in den Genen. Wenn man auf eine lange Ahnenreihe im Bergbau zurückblicken konnte, die sich tief unter dem Fels mit einstürzenden Stollen, grantigen Kobolden oder eindringendem Wasser hatten herumschlagen müssen, sah man vermutlich überall Probleme.
„Aber diesmal ist es ernst Chef“, ertönte eine zweite, piepsige Stimme. Die Augen des Weihnachtsmanns wanderten ein Stück nach links, als er den Elf Ruphus entdeckte, der vorsichtig um die Ecke spähte und zur Bekräftigung seiner Worte so heftig mit dem Kopf nickte, daß der Weihnachtsmann befürchtete, er könne ihm abfallen.
„Also gut, heraus mit der Sprache. Was ist passiert?“
„Rudi ist weg“, flüsterte Zwolgo betreten.
„Rudi?“
Überrascht und leicht verärgert legte der Weihnachtsmann beide Hände auf seinen knallroten Schreibtisch und beugte sich mit finster zusammengezogenen Augenbrauen vor. „Und wie konnte das passieren?“
„Jemand hat vergessen, die Stalltür zu verschließen“, hauchte Zwolgo bedrückt.
Jemand?
Der Weihnachtsmann ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen, während er in Gedanken überlegte, wieviel Tage Rentierstriegeln er hierfür verhängen sollte. Doch noch während er bei zwei Wochen Striegeln angelangt war, glättete sich sein Gesicht schon wieder. Schließlich war Rudi schon des öfteren abgehauen und jedesmal wieder eingefangen worden. Ihm fehlte eben noch die Disziplin der älteren Rentiere. Der Weihnachtsmann erinnerte sich noch gut daran, wie er Rudi im vergangenen Jahr auf dem Rückflug verletzt in der eisigen Tundra entdeckt hatte. Ein Jungtier, das nicht überlebt hätte. Also hatte der Weihnachtsmann mit Ruphus Hilfe das Rentier kurzerhand auf den Schlitten gehievt und zum Nordpol mitgenommen. Die Einwände Zwolgos, daß bisher nur dort geborene Rentiere als Zugtiere zum Einsatz gekommen waren, hatte er beiseite gewischt.
Leider hatten sich Zwolgos Bedenken in der Folgezeit bestätigt. Rudi hatte zwar das Fliegen mit Hilfe der Zauberkräfte der Elfen erlernt, auf alles Andere hingegen hatte er keine Lust. Er war undiszipliniert, übermütig, abenteuerlustig und nicht gewillt, einen Schlitten zu ziehen. Der Weihnachtsmann seufzte und ließ sich in den Sessel zurückfallen.
„Dann sollte dieser „Jemand“ es schleunigst wieder einfangen“, brummte er und wandte sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch zu.
„Ähmm, Chef...“, merkte Ruphus vorsichtig an.
„Hmmm.“
„Da wäre noch ein klitzekleines Problem.“
Der Weihnachtsmann sah auf und seufzte.
„Ich höre“, brummte er.
„Nun, Rudi ist schon gestern abend abgehauen....“
Die Augenbrauen des Weihnachtsmanns wanderten in böser Vorahnung in die Höhe.
„.. und wurde das letzte Mal kurz vor Deepfreeze im Norden Kanadas gesichtet. Ich habe die Position gerade noch einmal Mithilfe unserer Kristallkugel im Besprechungsraum überprüft. Es gibt leider keinen Zweifel. Deepfreeze verfügt seit heute über ein fliegendes Rentier.“
Wenn es einen trostlosen Flecken auf der Erde gab, dann war es Deepfreeze, tief inmitten der kanadischen Wälder und weit ab jeglicher Zivilisation. Die Zeit schien still zu stehen in diesem Ort, in dem gerade einmal hundertfünfzig Bewohner lebten. Eine halbwegs geteerte, mit Schlaglöchern versehene Straße teilte den Ort in zwei Hälften und stellte die einzige Verbindung zur Außenwelt dar. Entlang der Straße gab es einen Drugstore, der noch aus der Zeit des Goldrausches zu stammen schien, eine einfache Kirche auf einer Anhöhe, die vom Pfarrer dieser Gemeinde gerade mal alle vier Wochen aufgesucht wurde, eine Schule und den kulturellen Höhepunkt der Region: Milly`s Saloon. Um diese hervorragende Infrastruktur herum zogen sich einfache Holzhäuser die Hügel hinauf, die größtenteils von Holzfällerfamilien bewohnt wurden, da man hier vorwiegend vom Holzfällen und im Sommer von den wenigen Touristen lebte, die ein paar Meilen die Straße hinunter mit ihren Campingmobilen auf dem Campingplatz Halt machten, um die wahre Natur zu erleben. Im Winter hingegen war es hier so trostlos wie in den eisigen Regionen am Nordpol.
Normalerweise.
Dieses Jahr war jedoch alles anders....
Im Licht starker Scheinwerfer erstrahlte der Ort wie ein Christbaum am Weihnachtsabend. Dutzende, riesiger Campingtrailer aus Aluminium hatten sich im ganzen Dorf verteilt und wirkten wie bizarre Raumschiffe aus einer anderen Galaxie, während überall emsig beschäftigte Menschen herum wuselten und Hektik verbreiteten.
Hollywood hatte Deepfreeze für sich entdeckt und die Bewohner aus ihrem Winterschlaf gerissen. The Return of Santa wurde gedreht, eine Komödie über einen in die Jahre gekommenen Weihnachtsmann, der nicht gewillt war, den Job an einen Jüngeren abzugeben und so von einer Katastrophe in die nächste schlitterte. Wie die Heuschrecken waren die Mitglieder des Filmteams über die ahnungslosen Bewohner hergefallen und hatte ihr Leben gründlich durcheinander gebracht. Aber der anfängliche Schrecken war bald Begeisterung gewichen, als die Bewohner eine Möglichkeit witterten, als Komparsen Geld zu verdienen. Allerdings haben rauhbeinige Holzfäller wenig gemein mit Hollywoodschauspielern, so daß das Filmteam bei der Verwendung der Bewohner als Komparsen bald an seine Grenze gelangte. Insbesondere Mike Roling, der Regisseur war alles andere als begeistert.
„Hey, Jonny, sieh zu, daß du die Maske heran holst und den hier verarztet. Da wird ja die Kamaralinse blind“, fuhr Mike Roling seinen ersten Kameramann John Deen an, der gerade einem der Bewohner, der vermutlich noch nie einen Rasierpinsel oder einen Friseur gesehen hatte, seine Rolle als Komparse erklärte. John nickte, aber Mike hatte sich schon wieder abgewandt und etwas Neues entdeckt, an dem er herum meckern konnte.
„Was ist das denn?“
Entsetzt betrachtete Mike einen weiteren Komparsen, der eine riesige Axt auf der Schulter mit sich herumschleppte und so den Eindruck erweckte, als wolle er in den Krieg ziehen.
„Drehen wir hier etwa Conan der Barbar? Ich werde noch wahnsinnig.“ Verzweifelt raufte er sich die spärlichen Haare und sah sich gleichzeitig um. „Wo ist Tom, unser Superorganisator? Er soll das hier regeln. Außerdem kann ich immer noch keine Rentiere entdecken.“
„Ich mache mich mal schlau, Boß“, erklang es sofort aus dem Pulk von Mitarbeitern des Drehteams, die hektisch damit beschäftigt waren, die nächste Einstellung vorzubereiten.
„Das ist kein Film über Weihnachten sondern über das Armagedon“, stöhnte Mike. In seiner Aufregung entging ihm dabei, daß hoch über ihren Köpfen ein Tier mit braunem Fell interessiert das Geschehen aus großen Augen beobachtete. Ein Tier, das normalerweise nicht durch die Luft zu fliegen pflegte und es nur der hereinbrechenden Nacht und dem Schneegestöber zu verdanken hatte, daß es noch keiner entdeckt hatte. Natürlich war es niemand anders als Rudi das Rentier, das aufgeregt nach einer unauffälligen Möglichkeit zur Landung Ausschau hielt, doch das Treiben unter ihm war einfach zu lebhaft, um unentdeckt zu bleiben. Rudis Blick fiel auf eine einsame, schneebedeckte Fläche unterhalb einer einzelnen Hütte. Dort sollte es ihm möglich sein, unbemerkt zu landen und dieses interessante Dorf zu erkunden. Immerhin sah es dort unten auf eine entfernt vertraute Art weihnachtlich aus. Voller Vorfreude steuerte Rudi den Westhang an.

Deutlich gemächlicher ging es derweil ein gutes Stück den Hang westlich der Hauptstraße hinauf in einem soliden Holzhaus zu, das als Requisit in einem alten Trapperfilm hätte mitmachen können. Schwere Fensterläden, ein tief herabgezogenes Dach und ein gewaltiger, gemauerter Kamin an der Giebelwand, aus dem es heftig qualmte, boten vor dem Hintergrund der tief verschneiten Wälder ein Bild, wie es idyllischer nicht sein konnte. Der Frost hatte Eisblumem auf die einfachen Hüttenfenster gemalt, und glitzernde Eiszapfen schmückten die Dachunterseiten. Im Inneren der Hütte spendete der Kamin warme Behaglichkeit. Funken sprühten wie aufgeregte Glühwürmchen auf, als Gray Greenfield den Schürhaken tief in die glimmende Holzkohle stieß und neues Brennmaterial nachlegte. Zufrieden mit dem Ergebnis wandte er sich seiner vierjährigen Tochter Tess zu, die auf der hölzernen Bank am Wohnzimmerfenster kniete und in das Schneetreiben hinaus spähte. Gray war der Grund nur allzu bewußt. In einer Woche war Weihnachten, und Tess hoffte inständig, daß der Weihnachtsmann ihren Wunsch erfüllen würde. Aber da gab es ein Problem....
„Vergiß nicht, den Weihnachtsmann oder seine Helfer daran zu erinnern, daß ich mir einen Hund gewünscht habe“, bettelte Tess angesichts der Tatsache, daß Ihr Vater im Begriff war, ins Dorf zu gehen. Für heute stand ein Stunt an, und der Stuntman hatte kurzfristig abgesagt. Da Gray sich regelmäßig mit Sport fit hielt, hatte er angeboten, einzuspringen. Der Stunt war nicht allzu gefährlich, und das Geld hierfür konnte er wirklich gebrauchen.
„Aber ich habe dir doch erklärt, daß der Weihnachtsmann grundsätzlich keine Tiere verschenkt“, versuchte sich Gray aus der Situation heraus zu winden, während er sich in seinen wattierten, alten Parka zwängte. Tess wirbelte daraufhin herum und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei sie einen Schmollmund zog.
„Tut er doch“, beharrte sie auf ihrem Standpunkt, der nicht das erste Mal in den letzten Tagen zur Diskussion stand. „Du wirst schon sehen.“
Gray seufzte. Wie sollte er einer Vierjährigen bloß erklären, daß ein Hund Futter, Tierarztbesuche und Hundesteuer kostet, und daß das Geld dafür nicht reichte?
„Wir reden darüber, wenn ich zurück bin“, brummte er und öffnete die Hüttentür, worauf der Wind einen Schwung Schneeflocken hinein trieb.
„Nicht vergessen!“, erklang es hinter ihm, als er die Hüttentür zuzog und mit schweren Schritten zu seinem Schneemobil hinüber stapfte. Das Leben könnte so nett sein, wenn es den Weihnachtsrummel nicht gebe, dachte Gray verärgert, während er ungeduldig nach den Schlüsseln des Schneemobils in den Tiefen seiner Taschen suchte. Fast konnte er Miriam, seine Frau verstehen, die vor einem Jahr von einem Tag auf den anderen verschwunden war und ihnen nur eine kurze Nachricht hinterlassen hatte. Soweit Gray wußte, war sie wieder in Frankreich, ihrem Heimatland. Während eines Urlaubs hatten Miriam und Gray sich vor fünf Jahren kennengelernt. Miriam war so verzaubert von der Natur Kanadas und Gray gewesen, daß sie einfach da geblieben war und ihn geheiratet hatte. Doch die Ernüchterung war spätestens nach dem ersten Winter eingetreten, und irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, wo sie die Einsamkeit nicht mehr ertragen und sich nach ihrem alten Leben in Paris zurückgesehnt hatte. Gefolgt war ein kurzer Sorgerechtsstreit, den Gray für sich entscheiden konnte und die Erkenntnis, daß Stadtmenschen und Landbewohner einfach nicht zusammenpaßten. 
Wütend schob er den Zündschlüssel bei diesen Erinnerungen ins Schloß und ließ den Motor aufbrüllen. Dann schoß er mit Vollgas vom Hof den Hügel hinab. Natürlich hätte auch er ein wenig langsamer fahren können, aber das Gefühl, mit hoher Geschwindigkeit durch die Winterlandschaft zu jagen besänftigte ein wenig die Emotionen, die in ihm hochkochten. Außerdem war weit und breit kein Gefährt in Sicht, mit dem er hätte kollidieren können, rechtfertigte er vor sich selbst seinen halsbrecherischen Fahrstil. 
Hunderte Meilen weiter nördlich wartete ein anderes Gefährt mit Kufen auf seinen Einsatz.
„Hast du die Route auch einprogrammiert?“, knurrte der Weihnachtsmann, als er schwerfällig auf den Kutschbock kletterte, auf dem es sich bereits Ruphus der Elf bequem gemacht hatte.
„Aye Sir!“
„Und du bist dir sicher, daß Rudi dort gelandet ist?“
„Aye Sir!“
„Und was macht der auf der Ladefläche?“, brummte der Weihnachtsmann beim Anblick von Zwolgo ungehalten. „Zwerge haben auf dem Rentierschlitten nichts zu suchen.“
„Aber..“
„Nichts aber, das ist gegen die Tradition!“
„Gegen die Tradition ist es aber auch, eine Woche vorher loszufliegen, um Rentiere einzufangen, und nebenbei bemerkt, Zwolgo ist der Einzige, auf den Rudi einigermaßen hört“, wandte Ruphus ein. Die Tatsache, daß der Zwerg sich schon seit Jahren danach sehnte, auf dem Rentierschlitten mitzufliegen, überging er dabei ebenso geflissentlich wie die Tatsache, daß Rudi nur dann auf den Zwerg hörte, wenn dieser das Futter brachte. Und auch das nur in Ausnahmefällen. Aber der Zwerg war so versessen darauf mitzufliegen, daß Ruphus es ihm nicht hatte abschlagen können und versprochen hatte, ein gutes
Wort für ihn einzulegen. Was das für Konsequenzen haben mochte, verdrängte er lieber.

„So, so“, brummte der Weihnachtsmann indes ein wenig besänftigt. „Na schön, dann sei es so. Wie lange werden wir bis Deepfreeze brauchen?“
„Kommt drauf an. Wünscht Ihr eine Sightseeing-Tour? Die Nordlichter sind um diese Jahreszeit...“
„Ruphus!“
„Einen halben Tag bei normaler Fluggeschwindigkeit, ein paar Minuten, wenn ich den Turbo reinlege.“
Der Weihnachtsmann hob nur die Augenbrauen, worauf Ruphus nickte.
„Aye, aye Sir. Den Turbo! Mister Sulu, Warp 3 bitte.“
Als habe eine höhere Macht einen Schalter umgelegt, verschwand der Rentierschlitten nebst Passagieren daraufhin von einer Sekunde auf die andere und jagte nun in atemberaubenden Tempo einem abgelegenen Ort namens Deepfreeze entgegen, deren Bewohner zum Glück noch nicht ahnten, was ihnen mit diesem Besuch bevorstand.
Schnee spritzte kaskadengleich auf, als Gray das Schneemobil zu Höchstleistungen antrieb. Die Bäume rechts und links des Weges waren nur noch verwischte Schemen im Randbereich des starken Scheinwerfers, die geistergleich vorbeihuschten, während Gray seinem Ziel entgegen raste.
Ein gutes Stück den Hang hinauf lauschte Tess dem langsam verklingenden Motorengeräusch des Schneemobils und schmollte.
Was hatte ihr Vater nur gegen einen Hund?
Tess konnte es nicht verstehen. Selbst ihre Lehrerin im Kindergarten Miß Jones hatte Verständnis für ihren Wunsch. Miß Jones, die toll aussah, gut roch und erstaunlich häufig in letzter Zeit bei ihnen herein geschneit war, hatte sich ausdrücklich für Tess bei ihrem Vater eingesetzt. Der benahm sich zu Tess Verwunderung zwar immer höchst seltsam, wenn Miß Jones in seine Nähe kam, allerdings hatte dies im Hinblick auf Tess‘ Weihnachtswunsch auch nichts genützt. Ihr Vater wollte einfach keinen Hund. Ein Grinsen schlich sich auf Tess‘ Gesicht, als sie an die kommende Woche dachte. Schließlich hatte sie Miß Jones gebeten, beim Weihnachtsmann ein gutes Wort einzulegen, und wenn der lieferte, würde ihrem Vater nichts anderes übrig bleiben, als das Geschenk zu akzeptieren. Bestimmt würde der Weihnachtsmann den Hund direkt vor ihrer Haustür absetzen. In Gedanken sah Tess schon den Schlitten mit den fliegenden Rentieren herbeischweben und.... Irritiert schüttelte sie den Kopf und spähte intensiv in den wirbelnden Schnee jenseits der Scheibe.
War dort nicht eben etwas Großes, Pelziges vorbei geflogen?
Aufmerksam musterte sie den vom Schneegestöber verdeckten Himmel.
Tatsächlich!
Tess traute ihren Augen nicht. Etwas, das an ein großes Reh erinnerte, sauste direkt aus den Wolken kommend von links über den Hof vor der Hütte, berührte den Boden, geriet ins Rutschen und beendete die Landung kopfüber in dem großen Schneehaufen auf der rechten Seite des Hofes. Mit einem Satz war Tess von der Bank hinunter, riß ihren Parka von dem Haken neben der Haustür und stürmte hinaus ins Schneegestöber.
Inzwischen hatte sich Rudi das Rentier aus dem Schneehaufen heraus gekämpft und stellte entsetzt fest, daß es sich den rechten Vorderhuf verstaucht hatte.
„Beim Bart des Weihnachtsmanns, das hat mir noch gefehlt“, jammerte Rudi und sorgte so dafür, daß Tess derart abrupt stehen blieb, als sei sie gegen einen Bus gerannt.
„Du... kannst fliegen und sprechen!“, hauchte sie ehrfürchtig. Aus ihrer Sicht konnte das nur eins bedeuten. Der Weihnachtsmann war im Anmarsch, und dies war sein Vorbote. Jedenfalls hatte sie noch nie in einem anderem Zusammenhang von fliegenden und sprechenden Rentieren gehört.
„Wo ist mein Hund?“, fragte Tess neugierig, wobei sie den Himmel nach dem Schlitten des Weihnachtsmanns absuchte. So entging ihr, daß Rudi sie mit schief gelegtem Blick ungläubig betrachtete.
„Du suchst deinen Hund da oben?“, staunte das Rentier. Bisher hatte Rudi die Fähigkeit zu fliegen ein Gefühl von grenzenloser Sicherheit vermittelt. Wenn hierzulande allerdings auch Hunde mit großen Zähnen und einem gesunden Appetit fliegen konnten, sah die Sache plötzlich anders aus.

„Natürlich nicht! Ich suche den Weihnachtsmann, der bringt mir meinen Hund.“
„Der Chef kommt hierher?“, fragte Rudi entsetzt und humpelte eilig in den Schatten einer ausladenden Tanne.
„Du bist ja verletzt“, stellte Tess besorgt fest. „Und wen meinst du mit Chef?“

„Du weißt schon, den Dicken im roten Anzug und der Wolle im Gesicht. Wenn der mich findet, dann gute Nacht.“
Tess konnte es nicht glauben. Konnte es sein, daß sich ein Rentier vor dem Weihnachtsmann fürchtete? Dann dämmerte ihr allmählich der Grund.
„Du bist abgehauen“, warf sie Rudi empört vor.
„Schlittenziehen liegt mir nicht“, rechtfertigte Rudi sich.
„Fliegen auch nicht“, stellte Tess in Erinnerung an Rudis Landung trocken fest. Dabei musterte sie Rudi nachdenklich. Eigentlich hatte sie sich ja einen Hund gewünscht, aber ein sprechendes und fliegendes Rentier war auch nicht zu verachten. Nun mußte sie nur noch sicherstellen, daß es nicht wieder abhauen konnte.
„Komm mit, ich verbinde dein Bein“, bot sie Rudi an, der ihr notgedrungen humpelnd folgte. Mit dem verletzten Bein war an Fliegen einstweilen nicht zu denken.
Tess führte Rudi zur Rückseite der Hütte, an die sich ein windschiefer Schuppen schmiegte. Entschlossen schob Tess den Riegel der Schuppentür zur Seite und schob Rudi kurzerhand durch die niedrige Türöffnung, wobei sie die Proteste des Rentiers ignorierte.
„Du wartest hier, ich suche Papas Erstehilfekasten“, wies sie Rudi energisch und an und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Das Rentier war alles andere als glücklich über diese Entwicklung. Nun war es mit List und Tücke aus seinem Stall ausgebüxt, nur um wieder in einer ähnlichen Unterkunft eingesperrt zu werden. Irgendwie hatte Rudi sich das anders vorgestellt. Oder, wie Rudi sich ehrlich selbst eingestehen mußte, hatte er nur eine vage Vorstellung davon gehabt, was er wirklich wollte. Nur eines stand für Rudi fest. Er wollte nicht zurück zu den anderen Rentieren, die in ihm nur einen Eindringling von Außen sahen, der nicht dazu gehörte. Das Rentier hatte sich einsam gefühlt und seinem Unmut durch allerlei Kapriolen Luft gemacht. Geändert hatte es nichts.
Daher hatte Rudi den Entschluß gefaßt, in sein altes Leben zurückzukehren und hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt, als der miesepetrige Zwerg vergessen hatte, die Stalltür zu verschließen...

Hier klappte Zimt sein dickes Buch zu und warf einen Blick auf Sternchen und Fine, denen inzwischen fast die Augen zugefallen waren. "Hey Ihr beiden, ich glaube, Ihr seid ziemlich müde. Vielleicht solltet Ihr jetzt einfach ein Mittagsschläfchen halten. Die Geschichte von Rudi können wir ja in den nächsten Tagen weiter lesen." Sternchen und Fine gähnten und noch bevor Zimt sein Buch wieder ins Regal gestellt hatte, waren die Engelbärin und die kleine Schnecke schon auf dem Sofa eingeschlafen.

Kommentare:

  1. Eine wirklich schöne Geschichte, und ich wünsch jetzt erst mal einen guten erholsamen Mittagsschlaf, damit ihr hinterher wieder fit seit für ein neues Kapitel.

    Liebe Grüße
    Ulf

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  2. Bestimmt werden die Tess und der Rudi ganz dicke Freunde und der Papa von der Tess findet vielleicht eine Frau die bei der Stadt arbeitet und dann muss er keine Hundesteuer zahlen und dann kann die Tess einen Hund haben. Mein Bruder hat sich wie ich klein war auch ganz arg einen Hund gewünscht und gar nichts anderes. Er hat gesagt, wenn er einen Hund bekommt dann wünscht er sich nie wieder was weil ihm das dann für immer reicht weil ein Hund sein einziger Wunsch ist. Der hat dann sogar einen Hund vom Papa bekommen weil er es sich sooo arg gewünscht hat und die Gizmo ist jetzt sein allerbester Freund auf der Welt sogar noch ein besserer Freund als der Eric obwohl der Eric ein Junge und unser Nachbar ist aber der ist nur der zweitbeste Freund weil mein Bruder ja die Gizmo hat. Und mein Bruder hat sich seitdem wirklich nie wieder was zu Weihnachten gewünscht seit er seinen größten Wunsch bekommen hat. Aber ein Geschenk kriegt er trotzdem jedes Jahr zu Weihnachten auch wenn er sich nichts gewünscht hat. Ich wünsche mir jedes Jahr das Gleiche nämlich das mein Papa Weihnachten nicht arbeiten muss und mit uns feiern kann aber das klappt dieses Jahr auch wieder nicht also wünsche ich mir halt wenigstens neue Schlittschuhe weil die alten langsam zu klein werden aber nur damit ich mir überhaupt was wünsche.
    Die Mama also die Melli hat mir jetzt erklärt, dass das ganz schön blöde ist, wenn man sich so viel Mühhe beim Schreiben gibt und auch noch so einen schönen Adventskalender macht und fast alle zu faul sind zum Kommentare schreiben und das man dann irgendwann keine Lust mehr hat sich so viel Mühe zu machen weil jeder nur liest und keiner was schreibt und jetzt finde ich es ziemlich blöd von mir das ich das in der letzten Zeit auch immer so gemacht habe und gar nichts getippt habe. Das tut mir jetzt wirklich echt richtig leid. Aber jetzt schreibe ich euch wieder versprochen!
    Und Tinchen wenn du magst kann die Mama dir mal ein Foto schicken von der Anna die ich genäht habe nach dem Schnittmuster vom Adventskalender. Die ist zwar nicht so schön geworden wie deine Anna und ein Kleid hat sie auch noch keins aber vielleicht magst du sie ja trotzdem mal sehen
    Auf jeden Fall bin ich ganz schön froh, dass der Silas dieses Jahr nicht wieder den Spike fressen will.
    Deine Shania

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  3. Recht hat Shania... so viel Mühe, wie Ihr Euch mit diesem wunderschönen Adventskalender gebt, muss wenigstens mit einem Kommentar belohnt werden... Und deshalb kommentieren wir mal Folgendes: Wir hoffen inständig, dass Teil 2 dieser tollen Geschichte um Rudi schon morgen kommt! *hibbel* Wir hätten übrigens nicht gedacht, dass sogar beim Weihnachtsmann Zwerge diskriminiert werden... ;O)

    Liebe Grüße
    Flutterby und Birgit

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  4. Da ich diese Weihnachtsgeschichte schon kenne, weiß ich auch schon wie es weiter geht, aber ich lese diese Geschichte trotzdem immer wieder gerne! *seufz* Ach ja... die wunderschöne Weihnachtszeit!

    Liebe Grüße
    Melli

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